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Wednesday, November 16, 2011

Arcade Fire oder Talking Heads

... das ist hier die Frage. Aber Cheyenne, ein gealterter Rockstar, weiß es besser als der kleine dicke Junge aus Huntsville in Tennessee. "This must be the place" ist eindeutig von den Talking Heads. David Byrne höchstpersönlich tritt im Film den Beweis an und kredenzt dem Zuschauer nicht nur eben diesen Song, sondern dazu eine grandiose Bühnenshow!

Eine von vielen schönen Szenen aus dem gleichnamigen Film "Cheyenne - This Must Be the Place", in der ein großartiger Sean Penn den völlig - und hier passt eigentlich nur die treffende englische Bezeichnung - drug fucked Cheyenne spielt, der irgendwo in der Vergangenheit stecken geblieben ist und sein Dasein als wandelndes Kuriositätenkabinett fristet. Alles an dieser Figur ist völlig überzogen und scheint trotzdem unglaublich echt: die mit Schminke übermalten Falten, der komplett unterbelichtet wirkende Blick, der ungelenke Gang wie auf Eiern, die piepsig getragene Stimme und die anstrengende Langsamkeit, mit der Cheyenne durchs Leben kriecht. Bereits zu Anfang des Films fragt man sich, wie lange Sean Penn für diesen Gesichtsausdruck aus einer Mischung von Traurigkeit, Naivität und einer großen Portion Verlebtheit vor dem Spiegel üben musste. Auf jeden Fall ist er überzeugend. Wie ein Außerirdischer lässt Penn seine Figur, stets mit einem Rollkoffer ausgerüstet, durch die Shopping Mall, den Flughafen und die amerikanische Provinz schleichen, anfänglich auf der Suche nach Ablenkung von seiner trostlosen Existenz als reicher aber gescheiterter Mann, was im Laufe des Films zu einer Art Mission für seinen verstorbenen Vater wird.

Die Geschichte wird mit langsamen und extrem konstruierten Bildern erzählt, ein Umstand, der Fans von Romantic Comedies nicht bekommen wird. Dafür belohnt er die Freunde des Autorenkinos mit tollen Filmbildern, unerwarteter Komik, die oft aus fast beiläufigen Details hervorspringt, und einem Soundtrack, der das Tempo des Films widerspiegelt und es trotzdem in sich hat.

Einzig und allein das Ende der Geschichte wirkt ein wenig gezwungen. Nicht nur, dass Cheyenne letztendlich doch noch mit Rauchen anfängt, um zu signalisieren, dass er eine bemerkenswerte Entwicklung, eine Art verspätetes Coming of Age, durchgemacht hat und nun erwachsen geworden ist. In der allerletzten Szene kommt er dann auch nach seinem Roadtrip durch die Pampa der USA zurück nach Hause in seine irische Wahlheimat, und zwar von nun an ungeschminkt, mit kurzen Haaren und "normalen" Klamotten. Willkommen in der Normalität scheint das heißen zu wollen. Schade.

Bildquelle
Bleibt nur noch zu erwähnen, dass Francis McDermond, die spätestens seit "Fargo" von den Coen Brüdern einen Platz in meiner Hall of Fame der besten Schauspielerinnen inne hat, die Frau spielt, die sich Abend für Abend neben dem kaputten Rockstar abschminkt und in ihrer Freizeit Feuerwehrfrau ist und die die Figur Cheyenne trotz dieser paradoxen Paarung ein wenig mehr in der Wirklichkeit verankert.

Prädikat: empfehlenswert!

Tuesday, October 25, 2011

action auf irisch - the guard

Darf ich vorstellen: ein beleibter, alternder Provinzbulle in ausgebeulten gräulichen Riesenbaby-Unterhosen. Der erste Eindruck von Gerry Boyle (ein fantastischer Brendan Gleeson!) überzeugt zumindest in der Form, als dass das Klischee eines dümmlichen, nur noch auf die Pension hinarbeitenden Aktenvernichters vom Lande sehr gut zusammen zu passen scheint mit seinem derben Humor und den offenbar mit lauter dummen Vorurteilen bespickten, rassistischen Sprüchen. Dass dieser Eindruck jedoch lediglich an der Oberfläche kratzt, ist spätestens dann klar, als Boyle, abgeklärt und fast gelangweilt, die Leiche eines erschossenen Gangsters untersucht und es sich dabei nicht verkneifen kann, seinen neuen Kollegen aus der Großstadt mit einem würzigen Griff in den Schritt des Toten zu schockieren. Die gekonnt aufgebaute Antipathie des Zuschauers verwandelt sich im Laufe der ersten 10 Minuten allmählich und nahezu ungewollt in eine Art angewiderte Faszination.


Bildquelle
Die Bühne betritt sein vermeintlicher Gegenspieler: Everett (Don Cheadle) - ein junger, durchtrainierter und vor allem farbiger FBI-Agent mit internationalem Renomee, der Boyle anfangs ebenso angewidert und abschätzig begegnet wie das Kinopublikum. Erst nachdem Boyle sich trotz seiner fülligen Körpermasse als zäher Frühsportler outet, fängt Everett an, sich mit dem plump wirkenden Iren näher zu beschäftigen und seine eigenen Vorurteile gegenüber dem Klischee-Landei zu revidieren.

Der Konflikt des Films entsteht dann auch nicht durch den offensichtlichen kulturellen und ethnischen Unterschied der beiden Protagonisten, sondern wird erzeugt durch eine Drogen schmuggelnde Bande, die selbst vor Polizistenmord nicht zurückschreckt, und korrupte Machenschaften auf Seiten der vermeintlichen Gesetzeshüter. Und so wird Boyle in seinem ganzen ordinären, zuweilen gar abstoßenden Glanz zum moralischen Antihelden, der mithilfe des lange ahnungslosen FBI-Agenten, Gangster und Korruption im Alleingang zu Fall zu bringen versucht.

Lange habe ich nicht mehr so viel Spaß gehabt im Kino. Die Bilder und die Geschichte sind unerwartet gelungen und brechen nicht nur mit Klischees sondern auch mit Konventionen. Dabei wirkt der Film nicht überladen mit kreativen Ideen und originellen Kniffen. Im Gegenteil, leise und unaufdringlich wird die Geschichte erzählt. Es sind die kleinen Szenen zwischendurch, die so prall gefüllt sind mit Komik, dass es eine wahre Freude ist. Ich sag nur Schoko-Milchshake.

Für geübte Versteher des irischen Dialekts, sei die Originalfassung empfohlen. Für alle anderen ist die deutsche Fassung trotz allem auch ganz gut gelungen. Ich komm übrigens gern nochmal mit!